2020

15. Januar Santos et al., Neurokognitive Beeinträchtigungen bei Patienten aus der Schweizerischen HIV Kohortenstudie


Penetration der antiretroviralen Substanzen in das Zentralnervensystem und neurokognitive Beeinträchtigungen bei Patienten aus der Schweizerischen HIV Kohortenstudie

Neurokognitive Einschränkungen (Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Probleme bei Entscheidungsfindungen) sind bei HIV-positiven Personen häufig. Studien schätzen deren Vorkommen in dieser Personengruppe auf 25 bis 70 Prozent. Ein Faktor, welcher das Auftreten von neurokognitiven Einschränkungen begünstigt, ist die unkontrollierte Vermehrung von HIV im Zentralnervensystem unter Einnahme einer antiretroviralen Therapie. Diesbezüglich könnten antiretrovirale Substanzen, welche gut in das Zentralnervensystem eindringen, dem Auftreten von neurokognitiven Einschränkungen entgegenwirken. Ein Mass, um das Eindringen der antiretroviralen Substanzen in das Zentralnervensystem abschätzen zu können, ist der sogenannte Zentralnervensystem Effektivität Penetrationsscore (CPE). Je höher der CPE Score, desto besser dringen die antiretroviralen Substanzen in das Zentralnervensystem ein. Die Autoren haben in der vorliegenden Studie untersucht, ob ein hoher CPE Score der antiretroviralen Therapie dazu führt, dass der Patient weniger neurokognitiven Einschränkungen aufweist. Das Ergebnis der Studie war überraschend: es bestand keine Assoziation zwischen dem CPE Score und dem Auftreten von neurokognitiven Einschränkungen.

Für die vorliegende Studie wurden 981 Patienten aus der Metabolic and Aging Cohort (M&A) der Schweizerischen HIV Kohortenstudie (SHCS) eingeschlossen. Der Einschluss der Patienten erfolgte über den Zeitraum Mai 2013 bis November 2016. Die Patienten waren alle über 45 Jahre alt. In der Studie wurden nur Patienten eingeschlossen, welche unter einer wirksamen HIV-Therapie standen und eine unterdrückte HIV Viruslast im Blut aufwiesen. Bei allen Patienten wurde durch ein Team von Psychologen eine detaillierte neurokognitive Beurteilung durchgeführt. Es wurde dann der CPE Score zum Zeitpunkt der neurokognitiven Beurteilung ermittelt. Zudem fand eine separate Analyse statt, in der die kumulativen CPE Scores von Beginn der ersten antiretroviralen Therapie des Patienten bis zum Studienende berechnet wurden.

Die meisten Studienteilnehmenden (80 Prozent) waren Männer europäischer Herkunft. Das mediane Alter betrug 53 Jahre. Insgesamt waren neurokognitive Einschränkungen bei 40 Prozent der Patienten vorhanden: in 25 Prozent handelte es sich um asymptomatische neurokognitive Einschränkungen ohne Beeinträchtigung im Alltag. In 0.8 Prozent der Patienten war eine milde Beeinträchtigung vorhanden und in 0.6% bestand eine schwere Demenz. In 13 Prozent der Patienten bestand eine neurokognitive Beeinträchtigung, welche durch andere Faktoren als HIV zustande gekommen war: opportunistische Infektionen des Zentralnervensystems, Toxizität der antiretroviralen Medikamente, psychiatrische Erkrankungen, Substanzenmissbrauch, neurodegenerative Erkrankungen und Hirnschlag. Allerdings waren weder der CPE Score zu einem bestimmten Zeitpunkt der neurokognitiven Beurteilung noch der kumulative CPE Score mit neurokognitiven Einschränkungen der Patienten vergesellschaftet.

Zusammenfassend zeigt die Studie, dass bei Patienten über 45 Jahre die unter einer wirksamen HIV-Therapie stehen neurokognitive Einschränkungen in 40 Prozent vorhanden sind. In den meisten Fällen sind diese Beeinträchtigungen allerdings derart subtil - und nur durch fundierte neuropsychologische Testungen ermittelbar – so dass sie für die Betroffenen keine Beeinträchtigungen im Alltag hervorrufen. In der vorliegenden Studie waren weder die HIV-bedingten noch die nicht-HIV-bedingten neurokognitiven Einschränkungen mit dem CPE Score vergesellschaftet. In der M&A Studie werden die Patienten nun nach zwei und nach vier Jahren erneut einer neuropsychologischen Testung unterzogen. Dabei wird der Effekt der antiretroviralen Therapie und somit des CPE Scores auf das Auftreten, die Persistenz und das Abklingens neurokognitiver Beeinträchtigungen über die Zeit erneut analysiert.

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