Virologische und verhaltensbedingte Treiber der Übertragung des humanen Immunschwächevirus bei Männern, die Sex mit Männern haben. Clinical Infectious Diseases
Die Übertragung von HIV ist sehr heterogen: Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die mit HIV leben, überträgt das Virus nicht auf andere Personen weiter, z.B. aufgrund einer frühen Diagnose und einer erfolgreichen antiretroviralen Therapie. Auf der anderen Seite gibt es Personen oder Risikogruppen, welche überproportional für die Übertragungen von HIV verantwortlich sind.
Eine effektive Prävention von HIV erfordert daher die Kenntnis der Risikofaktoren für eine aktive Übertragung, um bewährte Präventionsmassnahmen wie die HIV Präexpositionsprophylaxe (PrEP) und die «test and treat» Strategie – also «testen und behandeln» – zielgerichtet einsetzen zu können.
In dieser Studie wurde eine stammesgeschichtliche Methode verwendet, um aus anonymisierten viralen Gensequenzen Übertragungsketten von HIV in der Schweizerischen HIV Kohortenstudie (SHCS) zu charakterisieren und insbesondere um deren zeitliches Wachstum über einen Zeitraum von 10 Jahren zu beschreiben. Ziel war es, zu unterscheiden, welche Übertragungsketten wachsen und welche nicht.
Mit diesem Ansatz konnte gezeigt werden, dass nur ein sehr kleiner Anteil (unter 5%) der Übertragungsketten überhaupt durch HIV Neuinfektionen wächst. Die Wachstumsrate dieser Übertragungsketten war sowohl mit der Häufigkeit von nicht unterdrückten Viruslasten als auch mit jener von ungeschütztem Sex und Syphilis-Infektionen assoziiert. Allerdings trat am Ende der Beobachtungsperiode etwa die Hälfte der Neuinfektionen in Übertragungsketten auf, in welchen die Viruslast bei allen diagnostizierten Individuen unterdrückt war. Dies ist ein Hinweis darauf, dass diese Infektionen von noch nicht diagnostizierten Personen verursacht wurden.
Diese Resultate belegen den Erfolg von «treatment as prevention» also «Behandlung als Prävention» auf der Populationsebene und zeigen, dass nicht diagnostizierte HIV Infektionen in den letzten Jahren immer wichtiger geworden sind für die HIV Übertragung. Wir konnten in dieser Arbeit mehrere Übertragungsketten identifizieren, welche wachsen, ohne diagnostizierte Mitglieder mit einer nicht unterdrückten Viruslast zu enthalten. Solche Übertragungsketten könnten wichtige Anhaltspunkte für zukünftige Präventionsmassnahmen liefern.