Haben Menschen mit HIV Infektion, welche zum Zeitpunkt des Therapiebeginns keine Krankheitszeichen haben, ein grösseres Risiko eines Behandlungsversagens?   Clinical Infectious Disease
In den letzten Jahren hat sich durchgesetzt, dass HIV-infizierte Menschen möglichst früh nach der Diagnose behandelt werden sollten. Diese Strategie wird auch «test and treat» also «testen und behandeln» genannt. Nun stellt sich die Frage, ob Menschen, welche positiv getestet worden sind, aber nichts von der HIV-Infektion spüren, also «asymptomatisch» sind, gleich gut auf die antiretrovirale Therapie ansprechen wie solche, die beim Behandlungsbeginn schon unter HIV-Komplikationen leiden.
Es ist vorstellbar, dass Menschen früh in der HIV-Infektion ohne Symptome weniger bereit für eine Therapie sein könnten, weil sie die nachteiligen Folgen des HIV für die Gesundheit noch nicht gespürt haben. Dies könnte dazu führen, dass sie die HIV-Medikamente weniger konsequent einnehmen: fehlende Therapietreue, auch Adhärenz genannt. Schlechte Adhärenz wiederum führt zum Versagen der Behandlung und häufig auch zur Bildung von Resistenzen des Virus gegen die HIV-Medikamente.
In der Studie innerhalb der Schweizerischen HIV Kohortenstudie (SHCS) wurden Therapietreue, Therapieerfolg und Resistenzentwicklung von HIV-Infizierten ohne Krankheitssymptome bei Behandlungsbeginn mit denen mit Krankheitssymptomen bei Behandlungsbeginn verglichen. Der Zeitraum des Therapiebeginns war zwischen 2003 und 2018.
Es wurden keine Hinweise gefunden, dass ein Behandlungsbeginn bei einer HIV-Infektion ohne Krankheitszeichen mit einer schlechteren Therapietreue oder einem höheren Risiko eines Behandlungsversagen einhergeht.
Seit 2010 war das Risiko eines Behandlungsversagens bei Behandelten ohne Krankheitszeichen sogar kleiner und Resistenzentwicklungen wurden bei asymptomatischen Personen bei Behandlungsbeginn weniger häufig beobachtet.
Zusammenfassend zeigt sich, dass die Art, wie wir in der SHCS die Frühbehandlung der HIV-Infektion durchführen, adäquat ist. HIV-infizierten Menschen, bei denen eine antiretrovirale Therapie begonnen wird, sind in der Schweiz unabhängig vom Stadium der HIV-Infektion für eine Behandlung bereit.